Ein Alfa und die Zeit von „Exil“ und Petticoats

Wollen Sie nicht mal einen Blick auf die Automobilwelt von gestern werfen? Ja? Dann fahren Sie morgen in die Theodor-Heuss-Straße. Dort wird vor dem Gebäude der „Öffentlichen“ (ab 9.30 Uhr) die Harz-Heide-Fahrt der Oldtimer gestartet. Sie führt – ausgearbeitet vom Rallyespezialisten Harald Siems – über rund 140 Kilometer durchs Harzvorland (12 Uhr Stopp im Klostergut Wöltingerode) und endet gegen 16 Uhr auf dem Altstadtmarkt in Braunschweig.

Harz-Heide-Fahrt der Oldtimer lässt ein paar Erinnerungen an 1958 lebendig werden
Eckhard Schimpf
Historische Autos und Motorräder erleben seit 30 Jahren einen irren Boom. Oldies gelten selbst in der jungen IT-Generation als cool. In unserer Motorregion wimmelt es von Klassikern. Allein Manfred Placzeks Porsche-Stammtisch listet 500 Besitzer (!) alter Porsches auf. Andere Braunschweiger lieben Außergewöhnliches. So fährt Carsten Müller (der CDU-Mann) einen Monteverdi, Unternehmer Carsten Behring besitzt Büssing-Lastwagen, Rainer Uckermann ist vernarrt in Panther-Zweiräder.

Klassiker wecken bei mir unendlich viele Erinnerungen. Vor allem an die 1950er-Jahre. An Opel Rekord, Ford 12 M, Auto Union 1000, Borgward Isabella, Porsche 356, Mercedes 300 und „VW-Brezelkäfer“. Sie alle sind bei der Harz-Heide-Fahrt zu sehen. Warum ich die 1950er-Jahre so herausstreiche? Nun, am 1. Juni 1958 lief die Rallye „Rund um den Braunschweiger Löwen“. Und damals war ich schon dabei! Als Beifahrer von Kurt Ahrens junior in einem ganz besonderen Auto.

Es war ein weißer Alfa Romeo Giulietta Spider mit dem Kennzeichen BS – AU 777. Diesen italienischen Sportwagen hatte Kurt Ahrens im April 1958 vom Vater zum 18. Geburtstag und zur Führerscheinprüfung bekommen. Mit dem Roadster bestritten wir 1958 zahlreiche Rallyes. Gleichzeitig fuhr Kurt Ahrens jr. auch Rennen auf Cooper. Drei Wochen nach der Führerscheinprüfung gewann er das Leipziger Stadtparkrennen. Das war der Beginn seiner großen Karriere als Weltklasse-Rennfahrer und Porsche-Werkspilot.

Der Alfa war ein Exot, nach dem sich die Leute die Köpfe verdrehten. Auch die Mädchen. Dieser Zweisitzer kostete 11 000 Mark (mehr als ein Porsche). Ich verdiente 1958 knapp 300 Mark im Monat bei der BZ und träumte davon, irgendwann mal so einen Alfa Romeo zu besitzen. 25 Jahre vergingen. Dann erzählte mir mein Rennfahrerfreund Toni Fischhaber aus Bad Tölz, dass er gerade so einen Spider in Italien gekauft hätte. In Rot. „Verkaufst Du ihn mir?,“ fragte ich. Das tat er. Ich blätterte 10 000 Mark hin. Mein Sohn Oliver restaurierte 1984/85 diesen roten Alfa, den ich heute noch besitze. Nun wird sich mancher Leser fragen, wie konnte einer wie Vater Ahrens seinem Sohn damals zum 18. Geburtstag solch ein üppiges Geschenk machen? Kurt Ahrens senior (gelernter Kirchenmaler) gehörte nach dem Krieg als Schrotthändler zu den reichsten Braunschweigern. Da er Rennen fuhr, parkten in seinen Garagen an der Broitzemerstraße schier atemberaubende Geräte. Mercedes 300 SL (mit Flügeltüren), Porsche Spyder 550, Alfa Zagato, Cooper, Lotus, Brabham.

Als Kurt und ich 1958 im weißen Alfa umherkutschten, hatte in Braunschweig gerade eine Top-Disco eröffnet, das „Exil“ im Keller vom Schuhstraßen-Bunker. Wir konnten damals direkt davor parken. Die Straßen, die heute von 64 Millionen Kraftfahrzeugen überflutet sind, waren leer. 1958 fuhren in der Bundesrepublik nur 2,5 Millionen Autos und ebenso viele Motorräder von Adler über BMW, DKW, NSU – bis Zündapp. Und sonst? Wir Jungen trugen Buschhemden, Blue-Jeans und schmierten „Brisk“ ins Haar. Die Mädchen mussten erst die Petticoats sortieren, ehe sie zu ihrem Freund auf die Vespa stiegen. Petticoats, diese buschigen Unterröcke, waren auch der absolut „letzte Schrei“ auf den Tanzflächen beim Rock 'n' Roll, den unsere Mütter als „Negermusik“ bezeichneten. Es war damals übrigens für Unverheiratete noch strafbar, im gleichen Hotelzimmer zu übernachten! In den Kinos (Braunschweig hatte über 20) waren Filme mit Rock Hudson oder Toni Curtis „die“ Renner. Ebenso Musikfilme mit Peter Kraus und Conny Froboess, die etwas später am Braunschweiger Theater engagiert war. Genau wie René Kollo, der gern in der „Expertise“ am Magnitor über die Stränge schlug.

Und im Fußball? 1958 erreichte Eintracht sensationell das Finale der Deutschen Meisterschaft. Aber die National-Elf, die 1954 Weltmeister geworden war, scheiterte bei der WM in Schweden. Deshalb wurden hier schwedischen Autos die Reifen zerstochen! In der Kneipe „Erste Kulmbacher“ (Madamenweg) traf sich der Lloyd-Club. Das war der Vorgängerverein jenes ADAC-Clubs, der heute die Harz-Heide-Fahrt ausrichtet. Man diskutierte über den „Leukoplastbomber“ (Lloyd 300), trank drei, vier Biere und fuhr heim. Alkoholkontrollen gab es nicht. Es kursierte noch der Autofahrer-Spruch: „Wie parkt eine Frau?“ Antwort: „Nach Gehör“.
Braunschweiger Zeitung, 02.06.2018

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